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Ski fahren auf Wolke 7
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13 Sehbehinderte sind mit dem Skikurs der Blindenskischule Frutigen auf der Piste

Sie fahren mal schnell und mal vorsichtig, geniessen den Wind in den Haaren und die Sonne auf dem Gesicht - einzig die Berge können sie nicht sehen. 13 Sehbehinderte aus der ganzen Schweiz fahren bis am Freitag mit der Blindenskischule Frutigen Ski - ein jeder im Team mit seinem Skilehrer.

Mit Sonnenbrille und roter Mütze steht Sabine Reist auf der Piste und fährt langsam los, ihre Skilehrerin Katrin Ramu dicht hinterher. Es ist noch früh, die Sonne wirft die ersten Strahlen in die verschneite Berglandschaft auf der Elsigenalp. Synchron fahren die beiden in grossen Bögen die Piste hinunter, Ramu wirft alle paar Momente einen kontrollierenden Blick nach hinten. Der Schnee knirscht laut unter den Skiern. Unten angekommen, lässt sich Sabine in den Schnee fallen. Sie lacht und geniesst die warmen Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht. Über der Skijacke trägt sie eine Weste mit der Aufschrift «Sehbehindert». Sabine ist fast blind - nur mit dem linken Auge kann sie Umrisse erkennen. Aber das bringe ihr beim Skifahren nichts.

Skilehrer und Blinde im Team

Ihre eigenen Augen können die 13 Sehbehinderten, die seit Freitag am Skikurs der Blindenskischule Frutigen teilnehmen, nicht oder kaum gebrauchen. Umso mehr sind sie auf jene ihrer Skilehrer angewiesen. Zu zweit fahren sie die Piste hinunter, mal schnell und mal vorsichtig, wie alle anderen auch, - aber eben im Team, mit nur einem Paar sehenden Augen.

Die Vertrautheit unter den Teilnehmern und Skilehrern ist gross, die Freude offensichtlich: «Es ist auch für uns eine Bereicherung, mit sehbehinderten Menschen zusammenzuarbeiten», sagt Urs Ramu, der die Blindenskischule Frutigen leitet. Er hat Erfahrung mit blinden Gästen: 1988 gründete er die Blindenschule mit anderen Skilehrern - das Know-how erlernten sie von Blindenskilehrern aus St. Moritz. Heute geben sie 320 Halbtageslektionen pro Jahr. «Das ist nur möglich dank einem Fonds der Skischule und dem Entgegenkommen der Bahnen - auf der Elsigen- und Engstligenalp sowie in Aeschi fahren die Blinden gratis.»

Schneller als mit Blindenhund

Blind Ski zu fahren ist für Sehende unvorstellbar: Mit Geschwindigkeit ins Schwarze zu brettern und eine Piste hinunterzukurven, deren Hangneigung, Buckel, Eisschichten und Schanzen man nicht sieht, einzig der Stimme des Skilehrers vertrauend? Schon beim kurzen Selbstversuch verliert man sofort Orientierung und Gleichgewicht, und die Skier verkanten im harten Schnee.

Für sie sei das ganz normal, sagt Sabine Reist. Sie sei nun schon zum vierten Mal mit dabei: «Ich stelle mir das Gelände - und auch die Bergwelt - dank den Beschreibungen vor, wie auf einem Foto», erklärt sie. Sie liebe die Geschwindigkeit, mit der sie die Pisten hinunterflitzen könne, sagt die 23-jährige KV-Angestellte aus Zuchwil. Sie geniesse es, einmal schneller unterwegs zu sein, als mit ihrem Blindenhund, und den Wind im Gesicht zu spüren. Angst habe sie dabei keine - Vertrauen in andere gehöre zu ihrem Alltag.

«3-2-1-Abbügeln»

Über einen Funk im Ohr erhält Sabine Reist die Anweisungen ihrer Skilehrerin: Auf das Kommando «3-2-1-Abbügeln» lässt sie den Bügel los, und als Katrin Ramu ihr sagt, sie könne «nach elf Uhr abfahren», fährt sie los, ein wenig links gerichtet. Wie beim Essen werden die verschiedenen Richtungen auch beim Blindenskifahren nach dem Zifferblatt angegeben: Zwölf Uhr ist dort, wo die Skier hinzeigen, neun Uhr ist 90 Grad links davon, drei Uhr rechts.

Sabine Reist fährt ohne Zögern los, Katrin Ramu dicht hinter ihr her: «Liiiinks, rechts, liiiinks, rechts», spricht diese in ihr Mikrophon. Je länger ein Wort ausgesprochen wird, desto grösser soll der Bogen werden. In leichter Rücklage erspürt sie mit den Skiern den Schnee, fährt die Kurven aus und carvt sogar - auf Kommando. «Blinde haben beim Skifahren eine andere Körperhaltung, denn sie agieren nicht wie Sehende, sondern sie reagieren», sagt Katrin Ramu. Der Kontakt dürfe deshalb nie abbrechen. Das sei auch für sie eine grosse Herausforderung: «Man muss den Gast auf alle Seiten abschirmen und ihm gleichzeitig exakte Anweisungen geben», sagt sie, das erfordere extreme Konzentration.

Dem schwarzen Strich hinterher

Sehbehinderte, die genügend sehen können, fahren dem Skilehrer nicht voraus, sondern hinterher. Roberta Angelini aus Basel sieht zwar nicht, ob nun Piste, Tiefschnee oder Eis vor ihr liegen, aber sie sieht einen schwarzen Strich, dem sie hinterherfährt - es ist ihr Skilehrer. Es gehe ihr jedoch nicht nur ums Skifahren, sagt die aufgestellte Italienerin mit den pechschwarzen Augen: Sie mache auch gerne mal eine Pause zum Plaudern oder geniesse die Sonne.

Fasziniert vom Skifahren sind sie alle: Die Tessinerin Marija Barsic erzählt, sie spüre beim Fahren ein riesiges Freiheitsgefühl. Für die Bernerin Doris Stalder ist Ski fahren nicht Freiheit - schon eher hartes Training: «In Bewegung kann man nicht alles ertasten - was unter meinen Skiern passiert, muss ich spüren», sagt sie. Sie gehe jeweils auch in die Tourenwoche und das Hochgebirgslager, die wie dieser Skikurs vom Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverband (SBV) ausgeschrieben und mitfinanziert werden. Durch dieses Training werde sie auch in der Stadt viel sicherer.

Und sie geniesse es, sich einfach mal führen lassen zu können, ohne Angst, irgendwo anzustossen: «Hier kann ich ausklinken. Die vielen Schwierigkeiten, die sich im Alltag tagtäglich stellen, gibt es hier nicht - es ist wie auf Wolke 7», schwärmt die medizinische Masseurin. Sie sei sehr dankbar, dass sich Sehende so viel Mühe geben, um ihnen dieses Erlebnis zu ermöglichen - «wir sind wie eine grosse Familie».

Text: Manuela Ryter

Diese Reportage erschien am 20. Januar 2005 im "Bund". ​

«Nervös wie vor der Hochzeit»

Rania Bahnan Büechis erste Sitzung im Berner Stadtrat.​

Auf der Treppe des Berner Rathauses wartet Rania Bahnan Büechi mitten im stolzen, um fünf Mitglieder gewachsenen GFL-Stadtratsgrüppchen. Etwas verloren steht sie da, elegant gekleidet in Jupe und Bluse, und lächelt verkrampft in die Kameras. Wie die anderen drei «Neuen» hält sie das grüne Pflänzchen, ein Begrüssungsgeschenk ihrer Fraktion, fest in ihren Händen.

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Sie sei unglaublich nervös, sagt sie, «wie vor meiner Hochzeit». Rania Bahnan Büechi lacht beim Reden und schaut sich aufgeregt um. Der Platz vor dem Rathaus füllt sich allmählich, die Politiker trudeln ein und begrüssen sich zur ersten Sitzung des neu besetzten Stadtrats. Sie kenne kaum jemand von ihnen, sagt Bahnan. Kurz zuvor habe sie bei einer Einführung die 21 weiteren neuen Stadträte und Stadträtinnen kennen gelernt. Sie sei etwas zu spät gekommen, in der Aufregung an den falschen Ort gegangen. Sie sei heute sowieso etwas zerstreut - den Sitzplan habe sie vergessen, das Handy auch.

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Bisher habe sie immer gedacht, es gehe ja erst im Januar los, jetzt aber gelte es ernst. Bahnan betritt das Rathaus, in der einen Hand die violette Jacke, in der anderen das Pflänzchen, und schaut sich etwas unsicher in der riesigen Eingangshalle um. «Schön ist es hier», sagt sie, als sie die Treppe hinaufsteigt und in die Wandelhalle mit den roten Sesseln kommt. Ein Hauch von Stolz gleitet über ihr Gesicht.

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«Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal Politikerin werde», sagt Bahnan. Mit ihrer Wahl habe niemand gerechnet, weder sie noch die Partei. Bis im Frühling 2004 war die Palästinenserin, die in Libanon aufgewachsen ist, in den USA studiert hat und 1992 mit ihrem Mann - einem Appenzeller - nach Bern kam, parteilos. Dann wurde sie von der GFL für eine Kandidatur angefragt. «Die Partei wollte Migrantinnen ein Gesicht geben», sagt sie.

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Bahnan wurde überrumpelt. Heute freut sich die 41-Jährige jedoch, dass es so gekommen ist: «Es ist eine grosse Herausforderung, aber genau das mag ich.» Zwei Fraktionssitzungen hat sie schon hinter sich - die Themen «Wie halte ich eine Rede» oder «Wie mache ich ein Postulat» stehen noch an. Bahnan geht langsam in den Ratssaal, sucht ihre Parteikollegen und setzt sich an ihren Platz neben GFL-Fraktionspräsident Ueli Stückelberger. Das grüne Pflänzchen stellt sie vor sich aufs Pult. «Ich hoffe, dass es in den vier Jahren wachsen wird.»

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Als Politikerin kennt man Bahnan in Bern noch nicht - als Expertin in Migrationsfragen hat sie sich jedoch einen Namen gemacht: In einem IKRK-Interventionszentrum fand sie ihren ersten Job in der Schweiz, dann wechselte sie zum Migrantinnenprojekt Wisdonna des Christlichen Friedensdienstes. Sie gründete die Fachstelle für Medizinische Hilfe für illegalisierte Frauen «MeBif», gibt neben ihrer Arbeit als Psychotherapeutin Kurse zum Thema Migration, ist in Vereinen für palästinensische Migranten aktiv, und bis vor kurzem sass sie in der Fachkommission für Integration der Stadt Bern.

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«Migration und die Sans-papiers werden auch im Stadtrat meine Anliegen sein», sagt Bahnan. Sie habe nicht die Illusion, als Stadträtin die Welt zu verändern, «aber es wäre schön, in Bern etwas zu bewegen». Bei ihrer Arbeit mit den Migrantinnen sei sie immer wieder an «strukturelle Barrieren» gestossen, das habe ihr Bedürfnis, etwas zu verändern, geweckt.

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Nun sitzt Rania Bahnan Büechi aber noch ruhig an ihrem Pult und hört gespannt der Begrüssungsrede des neu gewählten Stadtratspräsidenten Philippe Müller zu. Und als die Kommissionen gewählt werden, streckt sie mit den anderen ihre Hand hoch. Hilfsbereit deckt Stückelberger seine «Neuen» mit Erklärungen ein.

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Als Migrantin Berner Politikerin zu sein, darauf ist Rania Bahnan Büechi stolz. Die Kandidatur habe sie jedoch viel Überwindung gekostet, «ich war - wie die meisten Migrantinnen - zu scheu», sagt sie. Die Hemmschwelle, in einem fremden Land politisch aktiv zu werden, sei riesig. Bern sei heute ihre Heimat. Politik sei eine Art, diese Heimat kennen zu lernen. «Ich will dort, wo ich wohne, auch partizipieren.» Bisher habe sie dazu nie Gelegenheit gehabt, denn: Seit ihrer Geburt lebte sie als Migrantin im Ausland - in Palästina war sie noch nie.

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Früh ist die erste Stadtratssitzung beendet. Beim Apéro plaudert Bahnan gelöst und ruhig mit «bekannten Gesichtern» - die meisten aus der SP. Es sei schon eine andere Welt, sagt sie und lacht - sie fühle sich jedoch wohler, als sie gedacht habe. Sie lasse nun alles auf sich zukommen. Und dann werde auch sie etwas dazu beitragen, «dass ein neuer Wind aufkommt». Denn in Sachen Migration könne Bern diesen gebrauchen.

Text: Manuela Ryter
Dieses Feature erschien am 14. Januar 2005 im "Bund".​
Die Generation Erasmus
Kasten: 

Schweiz «stille Partnerin»

Das EU-Programm Erasmus gibt es seit 1987. Es ermöglicht Studentinnen und Studenten, ein bis zwei Semester in einem anderen EU-Land zu studieren. Die EU will damit die «europäische Dimension» in die akademische Welt einbringen und die Hochschul-Zusammenarbeit verbessern. 1995 wurde Erasmus in das EU-Bildungsprogramm Sokrates integriert. Die Schweiz nimmt seit 1992 am Programm teil. 1995 kündigte die EU der Schweiz jedoch die Teilnahme aufgrund des EWR-Neins von 1992. Seither unterstützt der Bund die «stille Partnerschaft» mit 6,2 Millionen Franken pro Jahr. Mit den bilateralen Verhandlungen II wird ab 2007 wieder eine offizielle Teilnahme erwartet. 

Texte: Manuela Ryter

Dieser Artikel erschien am 13. Dezember 2004 im "Bund".​

Stille, Sturm und der letzte Zopf
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Zibelemärit am Morgen, am Mittag und am Abend: Das Berner Konfetti-Glühwein-Zwiebelkuchenfest, beobachtet auf dem Bärenplatz.

Bedächtig und still ist es um halb fünf Uhr früh auf dem Bärenplatz. Die Zwiebeln liegen bereit, Zwiebelzöpfe, Zwiebelkörbchen, Zwiebelketten, Zwiebeligel. Die Erzeugnisse wochenlanger Arbeit flinker und kräftiger Hände. Der eine oder andere Zopf wird zurechtgelegt, fröstelnd stehen die Verkäuferinnen in der dunklen Nacht hinter dem Stand an der Ecke zur Spitalgasse und warten auf den grossen Ansturm.

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Händereibend werfen sie sich kurze Blicke zu, schenken sich aus der Thermosflasche heissen Kaffee ein und beobachten durch die aufgehängten Zwiebeln hindurch das leise Treiben auf dem Platz. Ein Stand säumt den anderen: Hier werden Kisten voller Zwiebeln unter den Ständen verstaut, dort die farbigen Zuckerzibeli-Ketten aufgetürmt. Die echten schmecken immer noch nach Pfefferminze.

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Erste Besucher tauchen auf, sie gucken sich die Zwiebeln flüchtig an und spazieren am Stand vorbei. Von schräg gegenüber duftet es nach heissem Glühwein und Chnoblibrot. Das passende Frühstück am Zibelemärit, wie jedes Jahr am vierten Montag im November. Links stapelt ein Mann Kisten - sie sind vollgepackt mit Gummihämmern und Konfettisäcklein, säuberlich abgepackt à je hundert Gramm. Bern schläft noch. Doch nicht mehr lange.

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Die fünfte Stunde hat noch nicht geschlagen, als sich die Strassen füllen. Immer mehr verschlafene Gesichter und leuchtende Kinderaugen sind zu sehen. Aus den Individuen wird eine Menschenmasse. Man schaut und staunt und zieht vorbei. Mit jedem einfahrenden Zug und Bus wird es enger und festlicher in den Berner Gassen. Der Lärmpegel steigt an, der Geruch von Glühwein und Knoblauchbrot vermischt sich mit dem von Käsekuchen und Marroni.

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Im Käfigturm schlägt es sechs, doch das Glockengeläut geht unter im Stimmengewirr, der Zibelemärit ist voll im Gang. Nur die gewohnte Kälte fehlt. Glühwein wird trotzdem reichlich getrunken. Und es wird gelacht. Wann darf man schon so viele Streiche spielen wie am Zibelemärit? Wie Piraten sehen die Konfettischützen aus in ihren wollenen Mützen, tief in die Gesichter gezogen. Die meisten schiessen aus dem Hinterhalt und zielen vorzugsweise auf offene Münder. Einige sind mit orangen Plastikpistolen ausgerüstet, oder sie attackieren mit quietschenden Hämmern. Jeder Volltreffer wird mit Kreischen oder Johlen, entschuldigendem Lächeln oder spöttischem Gegröle quittiert.

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Der Morgen graut und das silbrig-rot-blau-gelbe Konfettigemisch bedeckt wie frisch gefallener Schnee den Boden. Die müden Gesichter mit den Glühwein-geröteten Backen gehen zur Arbeit. Jetzt kommt die Stunde der Rentnerinnen und der Car-Touristen. Aus der Romandie, aus Deutschland und aus Frankreich kämen sie, sagt eine Zwiebelverkäuferin. Sie seien sehr interessiert am Zibelemärit, an dessen Tradition und Handwerk. Die Zwiebelzöpfe gehen weg wie warme Semmeln. Der kleine Zwiebeligel kostet 3.50, der grösste Zopf 70 Franken. Einen grossen habe sie schon verkauft, sagt die Verkäuferin. In ihren Haaren hängen silbrige Konfetti.

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Mit fortschreitender Zeit verdichtet sich auch die Menge auf dem Bärenplatz wieder. Herausgeputzte Jungs stehen cool herum, Kinder geniessen ihre Konfetti schmeissenden Väter und filmende Japaner dokumentieren das Schweizervolk. Hinter der Verkäuferin am Stand neben dem Vatter spielt ein Strassenmusiker lässig an die Wand gelehnt Akkordeon und schaut dem wilden Treiben zu, als gehöre er nicht in diese Welt. Seine Musik vermischt sich mit dem poppigen Sound von rechts und den Panflötentönen von links. Mit den Farben und Gerüchen. Die Verkäuferin betrachtet die farbigen Zwiebelzöpfe auf dem Tisch. Es sind die letzten.

Text: Manuela Ryter

Dieser Artikel erschien am 23. November 2004 im "Bund". ​

Psychiatrie oder Antibiotika
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Punkto Ausmass und Behandlung der «Zeckenkrankheit» Borreliose scheiden sich die Geister

Forscher und Mediziner streiten über Diagnose und Behandlung der von Zecken übertragenen Krankheit Lyme-Borreliose - und verunsichern damit Patienten: Sind deren unerklärliche Symptome, die von Müdigkeit bis zu Lähmungserscheinungen reichen, auf die «Zeckenkrankheit» zurückzuführen?

Es war im März 1998, als Frau S.* zum ersten Mal wegen unerklärlicher Gelenkschmerzen zum Arzt ging. Diagnose: eine bakterielle Infektion durch Streptokokken. Doch die Symptome blieben trotz Behandlung: Ständig hatte sie leichtes Fieber, Gelenk- und Muskelschmerzen, Augenbrennen, Halsweh, Kopfweh oder Konzentrationsstörungen - und niemand wusste recht warum. Im Dezember machte der Hausarzt Blutuntersuchungen. Aber auch sie brachten keine neuen Erkenntnisse. Die Krankheit wurde mit jedem Tag schlimmer. Im April 1999 wurde die selbständige Biologin - bereits seit Monaten bis zu 50 Prozent arbeitsunfähig - ins Spital eingewiesen. «Die Laborwerte ergaben jedoch auch nichts. Die Ärzte sagten, ich sei in den Wechseljahren. Aber ich war knapp 44. Man zweifelte an meiner psychischen Gesundheit, das war der Tiefpunkt meiner Krankheitsgeschichte», sagt Frau S.

Durch Bekannte kam sie zu Laurence Meer, einer Ärztin in Flamatt, die zur «Zeckenkrankheit» Lyme-Borreliose forscht. Diese untersuchte die Blutproben, und im Februar 2000, zwei Jahre nach dem ersten Arztbesuch, kam die Diagnose: Lyme-Borreliose, eine bakterielle, von Zecken übertragene Infektion, bereits im chronischen Stadium (siehe Kasten rechts).

Streit unter Experten

Borreliose-Diagnosen sind der unspezifischen Symptome der Patienten wegen häufig nicht ganz eindeutig und deshalb umstritten. Universitätsmediziner glauben, dass es kaum chronische Borreliose-Patienten gibt. Zeckenspezialisten sehen das anders - punkto Behandlung sind jedoch auch sie untereinander zerstritten.

«Den Verdacht auf Borreliose hatte ich immer, denn ich hatte etliche Zeckenbisse», sagt Frau S. Die typische Wanderröte, einen kreisförmigen Ausschlag um die Stichstelle, hat die Biologin jedoch nie bemerkt. Und ein weiterer Bluttest sei nach dem ersten negativen nie zur Diskussion gestanden. Seither ist Frau S. bei Meer in einer Langzeit-Antibiotikabehandlung. Nun gehe es ihr besser, sagt sie.

Das könne nicht sein, sagt Norbert Satz, der in Zürich eine Praxis für «Zeckenkrankheiten» führt: «Chronische Patienten kann man nicht mit Antibiotika behandeln, da hilft nur Symptombekämpfung, zum Beispiel mit Schmerzmitteln», sagt er. Frau S. würde es seiner Meinung nach ohne Antibiotika genauso gut gehen. Und Stefan Zimmerli, Infektiologe am Inselspital in Bern, geht noch weiter: «Chronische Borreliose-Patienten sind höchst selten», sagt er. Die Diagnose werde von «so genannten» Spezialärzten viel zu häufig gestellt.

Krankheit nicht beweisbar

Ob zu häufig oder zu selten - die Krankengeschichten von chronischen Lyme-Borreliose-Patienten sind fast immer gleich: jahrelanges Leiden, eine Odyssee von Arzt zu Arzt, unterschiedliche Diagnosen und Therapien, verwirrte Betroffene. Denn ohne Wanderröte, die nur bei jedem Dritten auftritt, wird die Krankheit oft nicht oder zu spät erkannt, da der Zeckenbiss in den meisten Fällen nicht bemerkt wird.

Wenn die Infektion sofort behandelt wird, ist sie gut heilbar. Bereits nach mehreren Monaten werden jedoch sowohl Diagnose als auch Behandlung schwieriger: Die Symptome könnten auch andere Ursachen haben, und die Bakterien sind schlechter durch Antibiotika bekämpfbar. Ausserdem haben rund zehn Prozent der Schweizer Bevölkerung Borrelien-Antikörper im Blut - die das Immunsystem zur Bekämpfung der Erreger produziert - und sind dennoch gesund. Ein positiver Bluttest ist somit kein Beweis für die Krankheit. «Eine Ja- oder Nein-Diagnose ist nicht möglich: Es braucht ein typisches Beschwerdebild, positive Laborwerte und einen Ausschluss aller anderen möglichen Krankheiten», sagt Borreliose-Arzt Norbert Satz.

Gerade die Einschätzung, ob chronische Schmerzen psychisch bedingt sind oder nicht, fällt jedoch von Arzt zu Arzt unterschiedlich aus. Psychiatrie oder Antibiotika - eine für den Patienten schwer wiegende Entscheidung, die nicht selten zu Problemen mit Versicherungen und Krankenkassen führt (siehe Text unten links).

Wie heikel die nicht beweisbare Diagnose und das somit nicht abschätzbare Ausmass der Borreliose ist, zeigt ein Blick ins Internet, Hauptinformationsquelle vieler Patienten: Weltweit gibt es etliche Selbsthilfegruppen und Organisationen, die vor der «Gefahr Borreliose» warnen, unzählige Websites mit Informationen und Foren. Die Kranken fühlen sich von den Ärzten im Stich gelassen.

Gefahr oder Bagatelle

«Die Lyme-Borreliose ist eine meist harmlose, problemlos behandelbare bakterielle Infektion, die nur in seltensten Fällen zu langen Krankheitsverläufen führt», sagt Infektiologe Stefan Zimmerli zur Haltung der Universitätsmediziner. Die Borreliose-Krankheit werde von Randgruppen «hochstilisiert und mit unbestimmten Symptomen in Zusammenhang gebracht, die nichts mit der Lyme-Borreliose zu tun haben - dies ist ein Trugschluss», so der Oberarzt. Wenn ein Patient nach einer Antibiotikatherapie Beschwerden habe, seien diese mit Ausnahme von ganz wenigen Fällen nicht auf ein Weiterbestehen der Infektion zurückzuführen - chronische Borreliose-Patienten würden somit kaum existieren.

Diese Aussage findet Norbert Satz «völlig daneben»: Chronische Fälle seien in der Schweiz ein sehr grosses Problem. «Wer dies nicht wahrhaben will, sitzt in einem Elfenbeinturm.» Seiner Meinung nach werden etwa zehn Prozent der 3000 bis 5000 Personen, die sich jährlich mit dem Bakterium infizieren, chronisch und zum Teil ernsthaft invalidisiert.

«Es fehlt Schlüsselstelle»

Laurence Meer, die zu Langzeitbehandlung und Zusatzinfekten forscht und publiziert, arbeitet zusammen mit der technischen Hochschule Biel an einem Programm zur Erfassung der Patienten. «Es fehlt eine Schlüsselstelle, wo Patienten über längere Sicht beobachtet werden - sie sind bei Hautärzten, Rheumatologen, Psychiatern oder Neurologen verzettelt», sagt Meer.

Auch bei den Testverfahren sieht sie Lücken: Entgegen der Meinung anderer Ärzte teilt sie die Ansicht, dass ein Bluttest trotz Krankheit negativ sein könne, da die Bakterien ihre Eiweissoberfläche laufend änderten, was die Antikörperbildung und damit den Nachweis erschwere. «Deshalb sollte der PCR-Test, der Teile der DNA nachweist, verbessert werden», so Meer. Es sei jedoch schwierig zu wissen, in welchem Gewebe das Erbgut am ehesten zu finden sei.

Doch auch an diesem Testverfahren scheiden sich die Geister. Und der Streit um die nicht sicher beweisbare Krankheit Lyme-Borreliose geht weiter.

* Name der Redaktion bekannt

Interview mit Hanspeter Zimmermann, Epidemiologe beim Bundesamt für Gesundheit BAG.

«Keine harmlose Krankheit»

«Bund»: Es herrschen grosse Meinungsverschiedenheiten zur Diagnose, Behandlung und zum Ausmass der von Zecken übertragenen Krankheit Borreliose. Wie schätzen Sie die Situation in der Schweiz ein?

Hanspeter Zimmermann: Das Ausmass der Borreliose-Krankheit ist nicht ganz klar. Man kann jedoch nicht sagen, es sei eine harmlose Krankheit: Sie ist weder einfach noch selten. Die Schwierigkeit liegt bei der Diagnosestellung: Ein einzelner Labortest reicht nicht aus, um sie klar zu bestimmen. Die Diagnose Borreliose wird von Teilen der Ärzteschaft zu häufig, von andern zu selten gestellt. Wir rechnen mit schätzungsweise 3000 Erkrankungsfällen pro Jahr. Aber der grösste Teil davon sind Patienten mit Erythema migrans, der Wanderröte, einer grundsätzlich harmlosen Krankheit. Die Schwierigkeit kommt bei den Patienten ohne Wanderröte, denn viele Leute haben Antikörper und hatten nie Borreliose-Symptome. Gemäss Spitalstatistik gibt es im Schnitt jährlich 200 bis 300 Spitaleinweisungen mit der Diagnose Borreliose.

Nimmt das BAG zum herrschenden Konflikt unter Medizinern und zwischen Ärzten und Patienten Stellung?

Nein, das BAG kann zu dem Konflikt nicht Stellung nehmen. Unsere Aufgabe ist es, die Krankheit zu überwachen: Wie häufig ist sie, bei wem und wo taucht sie auf? Wir machen Empfehlungen, wie Krankheiten verhütet werden können, aber wir mischen uns nicht in die Behandlung der Patienten ein.

Ist die Überwachung der Lyme-Borreliose beim BAG ein Thema?

Ja, die Lyme-Borreliose ist auch für uns ein Thema. In einer Arbeitsgruppe wird zurzeit überlegt, wie wir die Krankheit besser überwachen können. Wir wollen abschätzen können, was diese Krankheit in der Schweiz bedeutet, denn sie kann sehr schwer verlaufen. Bis im Jahr 2003 bestand obligatorische Meldepflicht. Die Ergebnisse sind jedoch nur von begrenzter Hilfe, da damit die schwereren Erkrankungen, wie etwa die neurologischen Erscheinungen, nicht erfasst werden konnten.

Die chronischen Borreliose-Fälle könnten mit verbesserten Testverfahren einfacher bestimmt werden. Unterstützt das BAG solche Forschungsprojekte?

Wir unterstützen primär Forschung im Bereich der Überwachung der Epidemiologie, dazu gehören in gewissen Fällen auch PCR-Untersuchungen. Im Falle der Borreliose ist dieses Testverfahren jedoch nicht das Mittel, um die Problematik aufzuarbeiten. Zur Erfassung der schweren Borreliose-Fälle müssen weitere Hilfsmittel angewendet werden, wie zum Beispiel ein mehrseitiger Fragebogen wie in den USA.

Konnten in der Schweiz gewisse Risikogebiete lokalisiert werden?

Die ganze Schweiz unterhalb von 1200 bis 1500 Metern über Meer ist Risikogebiet. Der Anteil der infizierten Zecken schwankt jedoch stark, auch lokal: von 5 bis 50 Prozent. Bisher konnte man jedoch keine speziellen Gebiete aussondern. Die geografische Lokalisation, also die Verteilung der Borreliose-Patienten, würde sicherlich auch in die neuen Untersuchungen kommen.

Kasten: ​

Kostenfrage: Unfall oder Krankheit?

Chronische Borreliose-Patienten sind teuer: Über Jahre hinweg sind Arzt- und Spitalbesuche, Medikamente und aufwändige Laboruntersuchungen nötig. Dazu kommt die häufige Erwerbsunfähigkeit und nicht selten sogar Invalidität. Grundsätzlich gilt ein Zeckenstich als Unfall - also muss die Unfallversicherung bezahlen. Bei Patienten mit Wanderröte ist der Fall klar. Schwieriger wird es jedoch bei chronischen Patienten, die sich an keinen Zeckenstich erinnern.

Hier erschweren die unklaren Diagnosemöglichkeiten und der Konflikt um das Ausmass der Krankheit (siehe Text oben) auch die rechtliche Beurteilung, wer für die hohen Kosten aufkommen muss: Kann der Arzt die Diagnose Borreliose glaubhaft beweisen, bezahlt die Unfallversicherung. Wird die Diagnose jedoch angezweifelt, bezahlt die Krankenkasse, wobei die Leistungen im Falle eines Unfalls viel grösser sind als bei Krankheit.

Streit bis vor den Richter

«Viele chronische Borreliose-Patienten stehen in ständigem Streit mit Versicherungen», sagt Borreliose-Ärztin Laurence Meer. Das Versicherungsdossier ihrer Patienten sei mindestens gleich dick wie das der Krankenberichte.

Für Beat Cartier, Facharzt für Arbeitsmedizin bei der Suva, ist der Fall klar: Chronische Borreliosen sind selten. «In unklaren Fällen wird die schulmedizinische Fachmeinung durch universitäre Gutachten eingeholt», sagt er. Diese stünden zum Teil im Widerspruch zu den Arztberichten der behandelnden Ärzte - auch solcher, die sich auf eine grosse Borreliose-Erfahrung beruften. In einigen Fällen pro Jahr ende der Streit vor dem Richter.

Wenn die Unfallversicherung den Fall ablehnt, bezahlt die Krankenkasse - teure und umstrittene Therapien kann sie jedoch ablehnen. Wie verschiedene Krankenkassen bestätigten, sind solche Problemfälle jedoch höchst selten. (mry)

«Zeckenkrankheiten»

Die durch Zecken übertragene Krankheit Lyme-Borreliose, die durch das 1983 vom Schweizer Willy Burgdorfer entdeckte Bakterium Borrelia burgdorferi hervorgerufen wird, verläuft in drei Stadien: Im Lokalstadium kann ein Hautausschlag, das so genannte Erythema migrans, auftreten. Erste Anzeichen sind zudem grippeähnliche Symptome. Antibiotika sind sehr wirksam. Im Akutstadium befallen die Bakterien die Organe, besonders Gelenke, Haut und Nervensystem. Im chronischen Stadium können bleibende Schäden auftreten wie Arthrose oder Lähmungen. Daneben können Müdigkeit, Kopf-, Nacken- und Muskelschmerzen, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen sowie Depressionen und Rheuma auftreten. Die Vielzahl an Symptomen macht die Diagnose sehr schwierig. Die Borreliose darf nicht mit der FSME-Hirnhautentzündung, einer Vireninfektion, die ebenfalls von Zecken übertragen wird, verwechselt werden. FSME-Fälle sind seltener, aber es ist keine Behandlung möglich. Es existiert eine Impfung, die Bewohnern in Risikogebieten empfohlen wird.

Risikogebiete für Borreliose sind bisher kaum erforscht (siehe Interview). Im Schnitt ist jede dritte Zecke infiziert. Eine Impfung gibt es nicht. Die Gefahr, nach einem Zeckenstich an Borreliose zu erkranken, wird zurzeit an der Universität Neuenburg erforscht. Um Zeckenstiche zu vermeiden, soll man im Wald lange Kleidung tragen und danach den Körper absuchen. Zecken (ein bis sechs Millimeter gross) leben nicht auf Bäumen, sondern im Unterholz. 

Text: Manuela Ryter

​Diese Hintergrundseite erschien am 13. September im "Bund". 

Spiel im tanzenden Wasser
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DER NEUE BUNDESPLATZ 

Spiel im tanzenden Wasser

Entworfen wurde das Wasserspiel auf dem Bundesplatz aus Angst vor einem menschenleeren Platz. Nun wird es zum Publikumsliebling: Tagtäglich ziehen die Fontänen Scharen von Touristen und Einheimischen an - begeistert spielen sie im sprudelnden Wasser.

«Ob die Stadt dieses Mädchen extra für die Show engagiert hat?» fragt ein spanischer Tourist seine Freunde und beobachtet fasziniert den Solotanz eines braun gebrannten Mädchens in den rhythmisch in die Höhe sprudelnden Fontänen des neuen Bundesplatzes. Die Arme in der Luft, wie eine Ballerina, hüpft und springt es in einem türkisfarbenen Badeanzug durch die Wasserspritzer und geniesst sichtlich das kühle Nass und das staunende Publikum: Rund 200 Leute stehen um das Wasserspiel und schauen ihrem kindlich-sorglosen Tanzen zu. Manch einer wird sich in diesem Moment wünschen, ein Kind zu sein.

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Das 18-minütige Wasserspiel auf dem neuen Bundesplatz ist zu einem Spiel zwischen Zuschauern und Wasser geworden. Es spielt immer von 11 bis 23 Uhr, nur dienstags und samstags erst ab 14 Uhr, und wird jede halbe Stunde wiederholt. Die sprudelnden Fontänen folgen einer Choreografie und verändern sich laufend.

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Mit Sprüchen und auffordernden Blicken drängt die Spaniergruppe ihren Freund, Ivan aus Madrid, sich auch auf das nasse Feld zu wagen. Doch er lehnt den Vorschlag ab - er habe keine anderen Kleider dabei - und bleibt in der sommerlichen Hitze stehen. Reizen würde es ihn schon, gibt er zu. Auf jeden Fall sei dieser Platz phantastisch, er sei begeistert von der Schönheit dieser Stadt.

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Die Wasserfontänen sprudeln im Takt, mal schneller und höher, dann wieder langsamer und tiefer. Jetzt spritzt es hier, jetzt dort und jetzt aus allen Düsen gleichzeitig. Das Wasser schiesst direkt aus dem nassen Stein in die Höhe - «bis dört obe», sagt die vierjährige Anaïs, streckt die Arme und zeigt zum Dach der Kantonalbank. Mit der Körpergrösse verschieben sich die Dimensionen. Die Wassertropfen, so weit oben angelangt, glitzern in der Sonne und plätschern wieder zu Boden. Anaïs freuts und fragt die Mutter immer wieder: «Darf i no mal?», doch diese will gehen. «Jetzt muss ich jedes Mal, wenn ich in die Stadt komme, die Badesachen mitnehmen», sagt sie. Dieses Mal hätten es die Unterhosen getan - auch wenn einige Leute gemeckert hätten, dass dies eine Sauerei sei.

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Die Kleine im türkisfarbenen Badeanzug hüpft noch immer allein durch die Fontänen - keiner hat es gewagt, ihr die Schau zu stehlen. Andere Kinder, denen verboten wurde, nass zu werden, beobachten sie mit neidischem Blick. Doch auch ausserhalb der sprudelnden Fläche haben sie ihren Spass: Zwei japanische Knirpse wagen sich von aussen heran und kreischen vor Freude, sobald sie die Düsen berühren. Da sprudeln die Fontänen gleichmässiger. Der Vater nimmt die beiden an den Händen und rennt mit ihnen über den Platz, ohne dabei nass zu werden. Die Menschentraube lacht. Das Wasserspiel ist zu einem kollektiven Plausch geworden. Noch nie habe er solche Begeisterung für ein Projekt erlebt, sagt Paul Müller, Direktionsadjunkt der Direktion für Planung, Verkehr und Tiefbau der Stadt Bern. Der Platz rege die Emotionen der Menschen an.

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Diese Euphorie für den Platz hatten weder Politiker noch die Architekten erwartet: Das Wasserspiel wurde aus Angst vor einem menschenleeren Platz entworfen - um ihm Bewegung zu geben, hiess es. Sie wollten etwas Schlichtes, kein Denkmal - schliesslich sei das Bundeshaus Denkmal genug. Nun stehlen die Fontänen dem Bundeshaus die Schau.

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Jetzt wagt sich auch die Menge näher ran: Da rast einer mit dem Fahrrad, ein anderer mit dem Kinderwagen über den spritzenden Platz, durch Fontänen und die Schar kreischender Kinder in Unterhosen. Ein Junge steht laut lachend mit dem Fuss auf eine Düse, so dass sie seinem Vater ins Gesicht spritzt; ein anderer Knirps macht ein paar unbeholfene Schrittchen auf eine Fontäne zu und quietscht vor Freude - seine Grossmutter rennt ihm ängstlich hinterher und zieht ihn vom Wasser weg. Der Grossvater nimmts gelassen. «Wir sind extra wegen dem neuen Wasserspiel aus Freiburg gekommen», sagt er. Das Berner Wasserspiel wird zum beliebten Ausflugsziel.

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Fotoapparate und Videokameras werden gezückt; zaghaft stehen auch die Erwachsenen zwischen die Fontänen, lächeln fürs Foto und riskieren dafür einige Spritzer. Auch Ivan, der Spanier, und seine Freunde stehen plötzlich mitten im Platschen und Rauschen, rufen «España, España», posieren für ein Erinnerungsfoto und werden nass. «Dieser Brunnen ist nicht zur Dekoration da, sondern damit die Leute Spass haben», ruft Ivan. Die 18 Minuten gehen dem Ende zu, am Schluss spritzt das Wasser bis weit in die Höhe - die Menschen flüchten sich ins Trockene. Nur das braungebrannte Mädchen tänzelt noch immer mit ausgestreckten Armen zwischen den Fontänen.

Text: Manuela Ryter

Dieser Artikel erschien am 13. August 2004 im "Bund".​


Immer mit einem Lächeln auf den Lippen
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WANDERGESELLEN AM GURTENFESTIVAL

Zwei Zimmermänner «auf der Walz» machten auf dem Gurten halt: Rolandsbruder Beat Lampart und Freiheitsbruder Ivo Tognella packten beim Aufbau des Festivals hart an - und geniessen nun zwischen den anfallenden Arbeiten die ausgelassene Festivalstimmung.

Stolz und mit einem immerwährenden Lächeln auf den Lippen bahnen sich zwei Wandergesellen einen Weg durch die Menschenmassen auf dem Gurtengelände. Wie immer tragen sie ihre grossen schwarzen Hüte, die schwarzen Schlaghosen aus Kord und die schwarze Weste über dem weissen kragenlosen Hemd. Und wie immer fallen sie auf. In ihrer schwarz-weissen Kluft stechen sie aus der farbig-hippen Festivalmenge hervor, als wären sie die Stars auf dem Gurten. «Hei, bisch du ä geile Siech», ruft ein leicht torkelnder Festivalbesucher beim Vorübergehen Ivo Tognella zu, der seit einem halben Jahr als Fremder Freiheitsbruder auf Wanderschaft ist. «Ich weiss», ruft er zurück und lacht leise vor sich hin.

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Die zwei Zimmermänner sind nicht wegen der Musik auf dem Gurten. Oder besser gesagt: nicht nur deswegen. «Wir sind zum Arbeiten hier», erklärt Beat Lampart aus Römerswil im Kanton Luzern, aber ein bisschen Spass müsse schon sein, das gehöre zum Wanderleben. Der 23-Jährige gehört der Gesellenvereinigung der Rolandsbrüder an, auch Schacht genannt. Im deutschsprachigen Raum existieren etwa acht solcher Vereinigungen, in die eintritt, wer auf Wanderschaft gehen will. «Die Rolandsbrüder gibt es seit 1891», sagt Lampart nicht ohne Stolz. Und dieser gehört zur Wanderschaft wie die so genannte Ehrbarkeit, eine farbige Krawatte und der obligate Ring im Ohr.

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Seit fast einem Jahr ist Beat Lampart unterwegs: Er arbeitete längere Zeit in Deutschland und Österreich, reiste durch die Schweiz bis nach Toulouse und landete letzten Dienstag nach einem kürzeren Aufenthalt in England und Deutschland auf dem Gurten. «Alles, was auf dem Festivalgelände aus Holz ist, wurde von uns und ehemaligen Wandergesellen angefertigt», sagt Lampart. In strömendem Regen hätten sie letzte Woche gearbeitet: «Kleider und Schuhe waren immer durchnässt», erzählt sein Kollege Ivo Tognella. Auch der nasse Boden sei tückisch gewesen, etwa beim Aufbau der Böden für die Dusch- und Toilettencontainer in der schrägen Sleeping-Zone.

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Mindestens drei Jahre und einen Tag dauert die Wanderschaft der Handwerker. «Manchmal erscheint mir die Zeit fast zu kurz», erzählt Lampart - bei all den Plänen, die er noch hege. Bereits im Mittelalter war es Brauch, dass Zimmerleute von Baustelle zu Baustelle reisten. Sesshaft wurden sie erst später. Heute sind weltweit etwa 600 Wandergesellen unterwegs. «Wir dürfen überall hin, nur nicht nach Hause», sagt Ivo Tognella aus Thayngen im Kanton Schaffhausen. Das sei extrem hart - vor allem, wenn man der Heimat so nah sei wie jetzt auf dem Gurten.

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«Unbefleckt» müssen die Gesellen sein, wenn sie auf Reisen gehen: Unter 27-jährig, ledig, kinderlos, schuldenfrei - und trinkfest: «Wir sind keine Kinder von Traurigkeit», schmunzelt Beat Lampart. «Aber unser Ziel ist es, gute Arbeit zu verrichten - wir haben einen Ruf zu verteidigen», betont er. Und wahrhaftig: «Es ist unglaublich, wie schnell und professionell die Wandergesellen ihre Arbeit verrichten», schwärmt Matthias Kuratli, Medienchef des Gurtenfestivals. Die «Fremden Brüder», die Cowboys unter den Handwerkern, ziehen von Zimmerei zu Zimmerei. Nicht hoch zu Ross, sondern auf Schusters Rappen oder per Autostopp. Ihr Hab und Gut für drei lange Jahre tragen die Gesellen im Charlottenburger, liebevoll «Charlie» genannt. Geradezu winzig klein erscheint das Bündel neben den aufgetürmten Rucksäcken der aufs Gelände strömenden Festivalbesucher.

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Mit den von der Arbeit zerfurchten Händen zieht Beat Lampart seinen Hut etwas tiefer ins Gesicht und schaut nachdenklich - oder gelangweilt? - in das Treiben hinter den Kulissen. Sein Kamerad Ivo spricht derweil jedes annähernd hübsche Mädchen an und lässt sich genüsslich seinen spontan von der Tracht befreiten Rücken mit Sonnenmilch einmassieren. Sunnyboymässig schief sitzt sein Hut auf dem Kopf und flirtend ist sein Blick: «In jedem Städtchen ein Mädchen», etwa so lautet sein Spruch zu diesem Thema.

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Ivo Tognella kam eigens wegen des Gurtenfestivals in die Schweiz. «Es ist spannend, hinter die Kulissen zu blicken», sagt er. Nächstes Jahr will er wiederkommen: woher ist ungewiss. Unbekümmert und zufrieden schaut er in die Zukunft: «Es kann nur (noch) besser werden», findet er und mischt sich wieder unter die bunte Masse - immer mit einem Lächeln auf dem Gesicht.

Text: Manuela Ryter

​Dieser Artikel erschien am 17. Juli 2004 im "Bund".